Kastration

Ein Thema, um das man nicht herumkommt. Irgendwie „verfolgt“ es einen immer. Jedenfalls die Rüden verfolgen einen. Die Fraulis und Herrlis der Rüden sind oft gestresst, bis hin zu Beschimpfungen, warum man mit einer läufigen Hündin überhaupt spazieren geht, haben wir alles erlebt. Manchmal bringt mein Frauli die Rüden vorher nach Hause, bevor wir gemeinsam eine Runde gehen können. In der Zeit meiner Läufigkeit fahren wir meist in ein Gebiet, wo wir sonst nicht hinkommen. Finde ich zwar gar nicht toll, weil schließlich will ich hier in meinem Revier Bescheid sagen, was los ist. Das heißt, „meine Gegend“ gehört ordentlich markiert. Auf unseren Spazierrunden, ist Marion froh, wenn beim Rüden jemand dabei ist, weil sonst gibt es kein Weiterkommen. Stehzeit ist eben Stehzeit und da will auch ich nichts anderes als einen „Mann“. Wenn in dieser Zeit ein Rüde angelaufen kommt (und die kommen von weit her 🙂 – ich rieche nämlich supergut) ist das meine Chance. Ich will zwar immer noch meinem Frauli folgen, aber leicht ist das wirklich nicht, wenn man soooo unbedingt etwas anderes tun müsste. Der Fortpflanzungstrieb ist naturbedingt sehr stark ausgeprägt. Der stärkste neben dem Jagd-, Beute- und Futtertrieb. Mein Frauli versteht mich zwar, aber sie meint, dass eine dauernde Fortpflanzung nicht notwendig ist. Schade eigentlich. Sie findet es, im Gegensatz zu mir, sehr erfreulich, wenn auch für den Rüden eine Bezugsperson da ist, oder zumindest bald angelaufen kommt, um die Situation aufzulösen.

Die Rüden sind die eine Schwierigkeit und das Nächste ist die Belastung für meinen eigenen Körper. Ich bin eigentlich fast ständig mit diesem „Fortpflanzungsthema“ beschäftigt. Angefangen mit der Läufigkeit, die ja nicht nur in der Zeitspanne des Blutens (ca. drei Wochen) und mit der Stehzeit, in der letzten dieser Wochen, abgetan ist, sondern für mich schon mindestens ein Monat davor beginnt, in dem ich bereits anfange ausgiebig und akribisch genau mein Revier zu markieren. Wenn die Stehzeit vorübergegangen ist, leider ohne meine liebsten Freunde treffen zu dürfen :-(, kehrt kurz ein wenig Ruhe ein, aber nach ungefähr einem Monat, haben die Hormone in mir für eine Milchproduktion gesorgt, sodass ich zum „Wurftermin“, der würde zwei Monate nach der Stehzeit sein, auch genug Milch hätte. Davor muss ich natürlich dafür sorgen, dass mein fiktiver Nachwuchs in einem bequemen Nesterl zur Welt gebracht werden kann und dazu grabe ich regelmäßig den Garten um und wenn ich irgenwo anders warten muss (z.B. in einem Hotelzimmer), dann beginne ich auch dort nach geeigneten Plätzen zu suchen und wenn es sein muss, ein wenig „umzubauen“.

Irgendwann wird es auch für mich klar, dass es nichts gibt, für das man Nesterl und Milch braucht. Ich werde traurig und mich freut gar nichts mehr. Ich trotte weit hinter Marion her, wenn sie unsere Laufrunde mit mir macht. Ich habe wenig Lust, weil ich kann Euch sagen, dass Milchproduktion und Nestbau ganz schön energieraubend sind. Es dauert fast noch ein Monat, bis die Milch vollständig zurückgegangen ist. Erst dann bin ich wieder im körperlichen Neutralzustand.

Nachdem ich einen Läufigkeitszyklus von vier Monaten habe (der Zyklus bei Hündinnen ist unterschiedlich und liegt zwischen vier Monaten bis zu einem Jahr), kann man sich ausrechenen, wie selten und kurz ich mich im Neutralzustand befinde. Wenn ich in einem Wolfsrudel leben würde, wäre ich vielleicht diejenige, die für Nachwuchs sorgen würde bzw. eine „Amme“, die dauernd bei der Aufzucht hilft. Aber so etwas gibt es in meinem Leben leider nicht. Es hilft auch nichts, wenn ich den Vollmond anheule, um meine Freunde zu rufen 🙁

Mein Frauli ist eine, die nicht gerne in den „Lauf der Natur“ eingreift und deshalb war klar, dass, trotz all dieser Erschwernisse, keine Kastration in Frage kommt. Sie hat ein großes Problem damit, eine kerngesunde Hündin „aufzuschneiden“. Außerdem gibt es manchmal, wenn auch eher selten, ziemlich negative Nebenerscheinungen, wie z.B. eine Inkontinenz der kastrierten Hündin, oder auch eine Wesensveränderung.

Aber nachdem meine „Hormonzustände“ im Alter nicht erträglicher wurden (was Marion hoffte und sogar mit diversen Globulis entgegenzuwirken versuchte), sondern sogar eher stärker und sich mein „Menschenrudel“ endgültig gegen einen weiteren Wurf im Hause Feik entschied (ist schließlich ein „Großprojekt“ für alle), begann sich Marion genauer mit dem Thema auseinanderzusetzen. Viele Ärzte, andere Hündinnenbesitzer/innen, hundeerfahrene Bekannte und sogar Schamaninnen wurden regelrecht „ausgequetscht“.

Eine Kastrationsentscheidung fällt so schwer, weil man vorher nicht weiß, wie es nachher sein wird und weil es endgültig ist. Wie Du wahrscheinlich erwartet hast, weil sonst würdest Du es hier nicht lesen, fiel sie pro Kastration aus. Die körperliche Erleichterung für mich und dadurch ein längeres Leben – das klingt überzeugend. … und das glauben wir nun einfach mal so … und von wegen nicht in den „Lauf der Natur“ eingreifen – Rudel gibt es schließlich auch keines 🙁

Nun hieß es Infos einholen bezüglich den Operationsmethoden. Und da hat sich einiges getan in den letzten Jahren. Ein großer Schnitt den halben Bauch entlang ist Geschichte. Heute macht man das endoskopisch. Eine Totalkastration, bei der auch die Gebärmutter entfernt wird, ist nicht notwendig.

Am 1. März 2016 um 19 Uhr haben wir den Termin in der Kleintierpraxis Josefiau. Ein komischer Tag war das, weil ich gar nichts zu fressen bekomme. Nicht einmal die Kinder im Krankenhaus, bei denen ich normal nach jeder Kleinigkeit, die ich ihnen erfülle, mein Leckerlie gesichert habe, belohnen mich ordentlich. Nichts, gar nichts fällt ab. Hab ich was falsch gemacht??? Loben tun sie mich, aber das war es dann auch.

Am Abend in der Tierarztpraxis muss ich meine Chance nützen. Hier fällt immer was ab. Überall schaue ich nach, aber heute ist auch hier nichts zu holen :-(. Sie „betätscheln“ mich überall, freuen sich wie immer über mich und finden mich so toll. Also finde ich das auch toll. Dann binden sie mir das Vorderbein ab und stechen auch noch rein. Da bin ich immer noch cool (Frauli ist da und findet das ok, also wird das schon passen), aber als mir dann die Beine wegsacken, ist mir das gar nicht mehr egal. Da muss ich wirklich protestieren, jaule auf und versuche meine Kräfte abzurufen, um mich aufzurichten. Aber meine Beine halten nicht mehr – Hilfe!!! Ich bin nicht mehr „Frau der Lage“ – unheimlich!!! … und dann war ich weg…

Ich wache erst wieder daheim auf. Mitten in der Nacht. Auch da wollen meine Beine nicht wirklich das tun, was ich von ihnen will. Geschwind den Garten inspizieren funktioniert nicht. Frauli meint, ich soll mich wieder hinlegen… das ist wohl auch gescheiter, bevor ich mich unfreiwillig hinlege.

Und was passierte während meiner Tiefschlafphase:

Der Stich in meinen Vorderlauf war „nur“ ein Beruhigungs- bzw. Einschlafmittel. Die Narkose bekomme ich „übergestülpt“ d.h. eine Maske über meine Schnauze und schon atme ich das Narkosemittel ein. Die Ärzte können jederzeit die Dosierung regulieren. Klingt sehr praktisch. Man nennt das eine Inhalationsnarkose.

Nun schlafe ich noch tiefer und fester und die Ärzte (es ist das ganze Team hier, insgesamt drei Ärzte und drei Helferinnen) können drei kleine „Löcher“ in meinen Bauch schneiden und mit Kamera und Arbeitsinstrumenten in die Bauchhöhle hineinfahren. Über einen Bildschirm inspizieren sie meine inneren Organe genau. Meine beiden Eierstöcke werden gesucht und von der Blutversorgung und dem umliegenden Gewebe abgetrennt und über die kleinen Löcher in meiner Bauchdecke entfernt. Meine Gebärmutter wurde ebenfalls mit der Kamera untersucht und da sie gesund aussieht, darf sie auch drinnen bleiben. Sie wird sich im Laufe der Zeit von selbst zurückbilden. Die Schnittstellen werden noch auf Blutungen kontrolliert und danach werden die Arbeitsinstrumente wieder entfernt und die drei kleinen Löcher in meinem Bauch zugenäht. Das Ganze dauert gut zwei Stunden (mein Frauli weiß das genau, weil sie ab 21 Uhr dauernd auf ihr Handy blickt). Endlich kommt der „rettende“ Anruf, dass alles komplikationslos verlaufen ist und sie eine schnarchende, frisch kastrierte Lovis abholen darf. Daheim schleppen sie mich auf einer Decke liegend ins Wohnzimmer (ich bin ganz schön schwer, so ganz ohne Körperspannung) und hier schlafe ich, bis auf den bereits geschilderten kurzen Gehversuch tief und fest weiter bis nächsten Morgen. Am Nachmittag gehen wir bereits eine große Runde, die ich „einfordere“ und mein Frauli sehr erleichtert genießt 😉